Startseite NachrichtenBerlinale 2026: Nach Gaza-Vorwürfen von Abdallah Alkhatib prüft Wolfram Weimer Ablösung von Tricia Tuttle

Berlinale 2026: Nach Gaza-Vorwürfen von Abdallah Alkhatib prüft Wolfram Weimer Ablösung von Tricia Tuttle

Nach Vorwürfen bei der Berlinale 2026 gerät Tricia Tuttle unter Druck. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer beruft Sondersitzung ein.

von Mike Schwarz
Nach Vorwürfen bei der Berlinale 2026 gerät Tricia Tuttle unter Druck. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer beruft Sondersitzung ein.

Die Kontroversen um die politische Positionierung der Berlinale haben nach der Abschlussgala personelle Konsequenzen erreicht. Nach scharfer Israel-Kritik während der Preisverleihung steht die künstlerische Leiterin Tricia Tuttle unter massivem Druck; Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat eine außerordentliche Sitzung des Aufsichtsrats einberufen, berichtet 4thebike.de mit Verweis auf Tagesspiegel.

Auslöser der aktuellen Debatte war die Dankesrede des syrisch-palästinensischen Regisseurs Abdallah Alkhatib bei der Abschlussveranstaltung am Samstag. Er hatte den Preis für sein Kriegsdrama „Chronicles From the Siege“ als bestes Debüt erhalten und nutzte die Bühne für politische Aussagen. In seiner Rede warf er der deutschen Bundesregierung vor, durch ihre Haltung im Gaza-Konflikt Komplizenschaft an einem „Völkermord“ zu tragen. Wörtlich erklärte er, man werde sich an alle erinnern, „die an unserer Seite standen“, ebenso wie an jene, „die gegen uns waren“.

Berlinale 2026: Nach Gaza-Vorwürfen von Abdallah Alkhatib prüft Wolfram Weimer Ablösung von Tricia Tuttle

Während der Rede verließ Carsten Schneider (SPD), der als einziger Vertreter der Bundesregierung anwesend war, den Saal. Der Vorgang verstärkte die bereits seit Beginn des Festivals geführten Diskussionen über die politische Ausrichtung der Veranstaltung.

Vier Tage nach der Gala kündigte Weimer eine Sondersitzung des Aufsichtsrats der Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH (KBB) für Donnerstag an. Nach Angaben seines Ministerbüros soll es dabei um „eine Aussprache zur Ausrichtung der Berlinale“ gehen. Zu möglichen personellen Konsequenzen äußerte sich das Haus nicht.

Zuvor hatte die Zeitung „Bild“ unter Berufung auf Kreise des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien berichtet, Weimer strebe eine Ablösung Tuttles an. In diesem Zusammenhang wurde auch ein Foto thematisiert, das die Festivalleiterin gemeinsam mit dem Filmteam von „Chronicles From the Siege“ vor einer Palästina-Flagge zeigt. Die Aufnahme entstand bei der Premiere des Films am 15. Februar im Blumax Theater am Potsdamer Platz. Der Film lief in der Sektion „Perspectives“.

Die öffentliche Debatte kommt überraschend, da Weimer noch am Sonntag die Arbeit der Festivalleitung ausdrücklich gewürdigt hatte. Gemeinsam mit Jurypräsident Wim Wenders habe Tuttle die Ausgabe unter schwierigen weltpolitischen Rahmenbedingungen „feinfühlig, grundliberal und künstlerisch anspruchsvoll“ gestaltet. Die Filmfestspiele seien als Plattform für Dialog, kulturelle Vielfalt und demokratische Werte gestärkt worden, so Weimer.

Während des zehntägigen Festivals war Tuttle wiederholt mit Kritik konfrontiert worden. Ihr wurde eine zögerliche Haltung im Umgang mit dem Nahostkonflikt vorgeworfen. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy sagte ihren geplanten Besuch kurzfristig ab, nachdem Wenders zum Auftakt erklärt hatte, Filmschaffende sollten sich nicht politisch äußern. Zudem richteten mehr als 80 Künstlerinnen und Künstler einen offenen Brief an die Festivalleitung. Unter den Unterzeichnenden befanden sich auch Tilda Swinton und Javier Bardem. Sie warfen dem Festival vor, israelkritischen Stimmen keinen Raum zu geben und sprachen von „Zensur“.

Die Wortmeldungen während der Abschlussgala stellten diesen Vorwurf aus Sicht von Beobachtern in ein anderes Licht. Weimer reagierte einen Tag später mit deutlicher Kritik an den Äußerungen Alkhatibs. Die Vorwürfe seien „bösartig“ und vergifteten die politische Debatte, erklärte er. Zudem schadeten sie der Würdigung der Filmkunst im Rahmen des Festivals.

Tuttle betonte wiederholt, die Berlinale verstehe sich als offene Plattform für politischen Diskurs und biete Raum für unterschiedliche Perspektiven – unabhängig von einer institutionellen Positionierung. Nach dem Ende der Veranstaltung war ihr jedoch die Erleichterung über den Abschluss des Festivals anzumerken. Laut dem Bericht der „Bild“ sollen sowohl Weimer als auch Tuttle intern die Notwendigkeit personeller Veränderungen an der Spitze des Festivals erörtert haben.

Die anstehende Sitzung des Aufsichtsrats dürfte über die zukünftige Leitung der Berlinale entscheiden. Neben einer möglichen Neuausrichtung des Festivals steht dabei auch die internationale Reputation der wichtigsten Kulturveranstaltung des Bundes im Fokus. Die Entscheidung könnte Signalwirkung für die deutsche Kulturlandschaft insgesamt entfalten.

Zuvor schrieben wir Rita Süssmuth Trauerstaatsakt in Berlin: Gottesdienst, Plenarsaal Gedenken und Straßensperrungen heute

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