Die Debatte über die künftige Energieversorgung in Deutschland gewinnt neue Dynamik: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder spricht sich für die Erprobung eines sogenannten Mini-Atomkraftwerks aus und betont, dass Deutschland zur Kernenergie zurückkehren sollte, berichtet 4thebike.de. Söder erläuterte, dass Bayern für ein Pilotprojekt bereit sei: „Kernenergie 2.0 bedeutet kein Zurück zu alter Technik, sondern ein neues Kapitel ohne die früheren Gefahren.“ Dazu zählten neuartige modulare Kleinreaktoren sowie Entwicklungen im Bereich der Kernfusion. Als Brennstoff befürwortet er die Nutzung von Atommüll.
Nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima vor 15 Jahren beschleunigte Deutschland seinen Atomausstieg; 2023 wurde der letzte Reaktor stillgelegt. Innerhalb der Europäischen Union zeichnete sich zuletzt jedoch ein Strategiewechsel ab: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) bezeichnete die Abkehr von der Atomkraft kürzlich als „strategischen Fehler“ und kündigte auf einem Atomenergie-Gipfel in Frankreich neue Fördergelder für Forschung und Investitionen in Kernenergie an.
In der Bundesregierung stößt das Thema auf geteilte Meinungen. Bundeskanzler Friedrich Merz nannte den Atomausstieg „irreversibel“, äußerte aber gleichzeitig sein Bedauern über diese Entscheidung. Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) kritisierte hingegen die EU-Pläne: „Der vor 15 Jahren erreichte Atomkonsens hat unserem Land gutgetan, das sollten wir nicht leichtfertig aufs Spiel setzen.“ Auf die von Söder vorgeschlagenen Mini-Atomkraftwerke zeigte er sich skeptisch: „Diese kleinen Reaktoren werden schon seit Jahrzehnten angekündigt, schaffen aber den Durchbruch nicht und ringen stattdessen um Subventionen.“
SPD-Energieexpertin Nina Scheer bezeichnete den Vorstoß Söders als „absurd“ und erklärte gegenüber der Rheinischen Post, ein Wiedereinstieg verstoße gegen geltendes deutsches Recht. Die SPD werde an einer entsprechenden Gesetzesänderung nicht mitwirken. Julia Verlinden, Vize-Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, betonte gegenüber AFP, Mini-Atomkraftwerke seien „eine besonders teure und riskante Technologie“ und erneuerbare Energien böten bereits Lösungen für Energiesouveränität, Versorgungssicherheit und kostengünstigen Strom.
Befürworter von SMR-Reaktoren („small modular reactors“) sehen in den kompakten Anlagen eine kostengünstigere Alternative zu herkömmlichen Großkraftwerken, die einfacher errichtet werden könnten. Gegner warnen jedoch vor zusätzlichen Risiken durch die Vervielfachung der Standorte und die daraus resultierenden Kontrollschwierigkeiten sowie die Entstehung neuartiger radioaktiver Abfälle.
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