Startseite AllgemeinEuropaweite Razzien bei „Der Schelm“: Ermittlungen gegen rechtsextremen Buchvertrieb und internationales Netzwerk

Europaweite Razzien bei „Der Schelm“: Ermittlungen gegen rechtsextremen Buchvertrieb und internationales Netzwerk

Europaweite Razzien gegen den rechtsextremen Verlag „Der Schelm“ decken NS-Devotionalien, Propagandamaterial und internationales Netzwerk auf.

von Mike Schwarz
Europaweite Razzien gegen den rechtsextremen Verlag „Der Schelm“ decken NS-Devotionalien, Propagandamaterial und internationales Netzwerk auf.

Mit umfassenden Razzien in Deutschland, Polen und Spanien haben Ermittler die mutmaßlichen Betreiber des rechtsextremen Verlages „Der Schelm“ ins Visier genommen, berichtet 4thebike.de mit Verweis auf tagesschau. Die Staatsanwaltschaft Karlsruhe leitet die Ermittlungen, die sich gegen Personen richten, die seit mindestens zehn Jahren antisemitische, rassistische und den Holocaust leugnende Schriften verbreiten. Dabei wurden in Deutschland in Städten wie Leipzig, Pforzheim, Neuenbürg, Bottrop, Schönwald, Wertheim sowie weiteren Orten in Brandenburg, Baden-Württemberg, Sachsen, Bayern und Nordrhein-Westfalen Wohnungen, Firmenräume und Lager durchsucht. Die Einsatzkräfte stellten NS-Devotionalien, Propagandamaterialien, elektronische Datenträger und andere Beweismittel sicher. In Polen wurde eine Druckerei durchsucht, in Spanien Lagerhallen sowie private und geschäftliche Räume.

Der Verlag „Der Schelm“ betreibt einen Onlineversand und hat nach Recherchen rund 100 Nachdrucke von antisemitischen Büchern aus der NS-Zeit veröffentlicht. Die Karlsruher Staatsanwaltschaft wirft sechs Männern und zwei Frauen deutscher Herkunft vor, von 2022 bis 2024 in insgesamt 488 Fällen gemeinschaftlich volksverhetzende Druckwerke hergestellt, verbreitet, geliefert und vorrätig gehalten zu haben. Gegen einen Druckereibesitzer wird Beihilfe ermittelt. Hauptangeklagter ist Adrian P., ein Rechtsextremist aus Leipzig, der bereits vor Jahren nach Moskau geflüchtet ist und den Verlag von dort aus steuert. Ein Auslieferungsgesuch scheiterte zuvor, die russische Regierung duldet den Neonazi nach Angaben der Ermittler.

Nach Informationen von 4thebike.de wurden auch zwei Druckereibesitzer, ein Grafiker, ein IT-Spezialist und der Betreiber eines Business-Centers in die Ermittlungen einbezogen. Ein weiterer Rechtsextremist aus Brandenburg sitzt bereits seit Mitte 2025 wegen vergleichbarer Straftaten in Haft. Die Razzien stellen den zweiten Versuch der Justiz dar, das rechtsextreme Netzwerk um „Der Schelm“ zu zerschlagen. Bereits im Frühjahr 2024 verurteilte das Oberlandesgericht Dresden zwei Männer und eine Frau wegen Bildung einer rechtsextremistischen, kriminellen Vereinigung; zwei Urteile sind noch nicht rechtskräftig.

Die Webseite des Verlags ist in Estland registriert. Exklusiven Recherchen zufolge hat „Der Schelm“ über 11.000 Kunden weltweit, darunter bekannte Neonazis und AfD-Lokalpolitiker aus mehreren Bundesländern. Gleichzeitig stammen viele Käufer aus der gesellschaftlichen Mitte: Unternehmer, Handwerker, Anwälte, Ärzte, Polizisten, Lehrer, Pfarrer, Buchhändler, Altenpfleger und Feuerwehrleute. Einzelne Bestellungen umfassten mehrere Bücher, darunter antisemitische Werke wie „Judas Schuldbuch“ und „Diktatur Bundesrepublik Deutschland“ von Holocaust-Leugner Germar Rudolf. Ein Verlag, der vom hessischen Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuft wird, bestellte mehrfach Nachdrucke von Kinderbüchern aus der NS-Zeit, darunter „Das Märchen vom bösen Deutschen“, „Giftpilz“ und „Pudelmopsdackelpinscher“, die seit 2018 auf dem Index der Bundeszentrale für Kinder- und Jugendschutz stehen.

Die Ermittlungen zeigen zudem, dass Adrian P. ein komplexes System zur Verschleierung der Geldflüsse des Verlags aufgebaut hat. Zahlungen wurden über Konten in verschiedenen Ländern abgewickelt, darunter Estland, Litauen, Tschechien, Spanien, Schweden, England und Österreich. Treuhänder fungierten dabei als Mittelsmänner. Adrian P. kritisierte auf seinem Telegram-Kanal, dass Kunden Zahlungen nicht ordnungsgemäß weitergeleitet hätten. Die Produktion erfolgte in Zusammenarbeit mit einer Druckerei in Stettin (Polen) sowie weiteren Betrieben in Süddeutschland. Druckaufträge wurden für die Verschleierung in schwarze Folien verpackt und mit Paketdiensten verschickt. Zwei Personen aus Süddeutschland sollen den Versand und die Organisation des Onlineshops inklusive der Datenbank unterstützt haben.

Zuvor schrieben wir über Schweiz: 60-Jähriger zündet sich in Postauto-Bus an – sechs Tote, fünf Verletzte

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